Wie lebt es sich als Radsportler in der Coronakrise?

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Ich komme vom Radtraining heim und verstehe noch nicht so richtig, was los ist. Die Handybenachrichtigungen stehen nicht mehr still. “Hast du die Nachrichten gelesen?” , “Die Saison ist gelaufen.”

Ich kann es noch nicht ganz einordnen, vermute zwar, dass es mit der aktuellen Lage um das Virus zusammenhängt, das momentan die Welt in Atem hält, wil mich aber vergewissern. Ich mache den Fernseher an und schalte die Nachrichten ein.

“Alle Mitbürger werden aufgerufen zuhause zu bleiben, Unternehmen, die nicht systemrelevant sind, werden ab sofort geschlossen, die Mitarbeiter in Homeoffice geschickt”. Die Lage ist ernst. Dann kommt der Satz, der meine, unsere Welt, die sich nunmal um den Sport dreht, in ihren Grundfesten erschüttert “Sämtliche Veranstaltungen, unter anderem Sportveranstaltung sind bis auf weiteres abgesagt.”

Ich kann es nicht fassen und hoffe, dass es unsere Rennen im Ausland nicht betrifft. Doch auf Nachfrage zeigt sich: Alles, wirklich alles in naher Zukunft findet nicht mehr statt.

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Der Schock sitzt tief.

 

Wann, wo oder ob es in diesem Jahr noch weiter geht, ist nicht klar. Plötzlich sind sämtliche Ziele verschwunden. Den Gedanken, dass das alles real ist, will ich noch nicht zulassen. Vielleicht ist das ein schlechter Traum, ich bin vielleicht noch im Flugzeug auf dem Rückflug von unserem ersten Rennen und wache bestimmt gleich auf, um die weitere Saisonplanung mit Rupi, unserem Sportlichen Leiter, durchzusprechen. Doch ich wache nicht auf, wir sind nicht mehr auf dem Rückflug und das hier ist die bittere Realität.

Am nächsten Morgen sollte sich die drastische Entscheidung der Bundesregierung als angemessen herausstellen, aus Italien kommen traurige Nachrichten von überforderten Krankenhäusern, von Hunderten Todesfällen an nur einem Tag. Verglichen mit diesen Schiksalen, mit dem Kampf um Leben und Tod von so vielen Menschen scheint es nahezu lächerlich egoistisch sportlichen Zielen nachzutrauern. In diesen Zeiten ist der Sport nur Nebensache, das Wohl der Gesellschaft, das überleben möglichst vieler sind die Prioritäten deren sich alle unterordnen müssen. Nur gemeinsam können wir diese Herausforderung meistern, wenn sich jeder an die Regeln hält und die Einschränkungen akzeptiert.

Dennoch fällt es mir an diesem Tag schwer, die neuen Gegebenheiten zu verstehen und das Training wieder aufzunehmen. Denn bisher habe ich mir eine Frage nie gestellt weil ich die Antwort stets kannte.

Wofür trainieren wir überhaupt?

 

 Diese Frage stellt man sich als Sportler wenn überhaupt nur zum Trainingsbeginn, wenn der Rennkalender und die Saisonhöhepunkte festgelegt werden. Danach folgt alles einem Plan, jeder Tag ,jedes Training, Regeneration und Ernährung werden von da an dem Ziel untergeordnet. Im Winter fahren wir bei Minusgraden draußen, spulen Intervalleinheiten auf dem Rollentrainer ab und quälen uns tagtäglich. Weil wir wissen wofür: der Sommer kommt und mit ihm die Rennen, die wir lieben, zusammen bestreiten, auf die wir bestmöglich vorbereitet sein wollen. Dafür traineren wir. Doch jetzt gibt es keine Rennen, keinen Plan. Wofür also machen wir das alles?

Tatsächlich bin ich die ersten Tage ziemlich demotiviert. Das Hoch, welches sich nach den ersten Rennen eingestellt hatte, weil der Saisonstart vielversprechend verlief, verwandelt sich in tiefe Zweifel.

Allmählich nehme ich die gegebene Situation aber an, es ändert ohnehin nichts. Wir müssen damit zurecht kommen und das Beste daraus machen, also stelle ich mir die entscheidende Frage erneut und finde langsam Antworten. Wofür trainieren wir?

Um Erlebnisse zu teilen, um die Herausforderung zu meistern, um immer ein Stückchen besser zu werden. Weil wir es lieben, weil wir für den Sport leben und der Sport unser Leben bereichert.

Weil Rennradfahren Freiheit bedeutet, Abenteuer und Freundschaft. Weil wir durch die Erlebnisse zusammenwachsen als Team, weil wir als Personen daran wachsen, schwierige sowie gute Phasen erleben, immer wieder aufstehen und niemals aufgeben.

 

Die Auszeit als Chance

 

Nachdem die Sinnfrage geklärt ist, wird es auch wieder leichter, die schwierige Zeit als Chance zu begreifen. Natürlich würden wir lieber Rennen fahren, uns messen, Woche für Woche, in ganz Europa. Aber war die Vorbereitung wirklich schon perfekt? Was könnte man besser machen? Wie die zusätzliche Zeit nutzen?

Tatsächlich bemerke ich ziemlich viel Verbesserungspotential, auf dem Rad und auch abseits. Es gibt zum Beispiel einige Schwachpunkte in der Form auszubessern. Ich konzentriere mich in den nächsten Einheiten auf Sprintintervalle, hole mein Zeitfahrrad aus dem Keller, auf dem ich eindeutig zu wenig Zeit verbracht habe in den letzten Monaten und probiere unterschiedliche Positionen aus. Ausserdem baue ich in den Trainingsalltag Krafteinheiten ein, die normalerweise in dieser Saisonphase keinen Platz mehr finden würde. Rumpfstabilität, Krafttraining, Beinachsentraining, all diese Inhalte stehen in einer Rennsaison hinten an, können aber Verletzungen vorbeugen und auch das ein oder andere Leistungsprozent herauskitzeln.

Neben dem körperlichen Training finde ich endlich auch mal Zeit mich mit Mentaltraining auseinander zu setzen. Welches Mindset ist erfolgsfördernd. Wie gehe ich mit Nervösität vor den Wettkämpfen um, welche Strategien gibt es, um im Rennen der eigenen Stärke zu vertrauen? Diese Fragen sind nicht einfach zu beantworten, viele Strategien des Mentaltrainings erfordern Vorbereitung und Übung. Zeit, die man sonst nicht hat, die jetzt auf einmal unfreiwillig geschaffen wurde.

Meine Strategie für einen geregelten Alltag

 

Damit die Zeit auch sinnvoll genutzt werden kann, versuche ich meinen Alltag umso besser zu strukturieren. Nach dem Frühstück starte ich recht früh in das Training, um halb 10 sitze ich auf dem Rad. Nachmittags werden dann alle Arbeiten erledigt, die neben dem Sport anfallen. Und diese sind im Moment umfangreicher als sonst. Ich schreibe Berichte, kümmere mich um Socialmedia Inhalte. Ich versuche Sponsoren mit Videoclips und Fotos zu versorgen usw. Nach dem Abendessen geht es dann noch für etwa eine Stunde in den Kraftraum. Damit habe ich soviel zu tun, dass keine Zeit für Langeweile oder negative Gedanken bleibt.

 

Die Unsicherheit bleibt

 

Und dennoch bleibt dieses bedrückende Gefühl , das wohl jeder im Moment verspürt. Wie lange bleibt dieser Stillstand? Wann geht es wieder weiter? Wie gefährdet sind wir, unsere Familien und Freunde?

Wir können nur hoffen, dass das alles bald vorüber geht und wir unsere normalen Tätigkeiten wieder aufnehmen können. Hoffentlich dürfen wir dann auch wieder Rennen fahren. Hoffentlich kommen wir alle gut durch die Zeit.

Bleibt motiviert, aber vor allem bleibt gesund!

Euer

Yannik

 

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