Rad am Ring. Oder der Kampf gegen sich selbst

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Rad am Ring. 24 Stunden Rennen am legendären Nürburgring. 26 Kilometer Gesamtstrecke, 87 Kurven, 550 Höhenmeter je Runde. Unsere Pushbikers Yannik und Kilian wissen, warum Formel 1-Legende Jackie Stewart diesem Parcours den Namen „grüne Hölle“ gab.

„Der Nebel macht die Abfahrt zur Hölle. Es ist dunkel, kalt und nass, die Müdigkeit macht sich langsam bemerkbar, natürlich, es ist 2 Uhr nachts, jeder von uns sitzt mittlerweile über sechs Stunden im Sattel. Das kleine Licht an meinem Lenker versucht verzweifelt, mir den Weg zu zeigen. Die Nebelwand wird immer dichter, wir haben kaum 10 Meter Sicht. Mit 80 km/h geht es im Blindflug durch die Fuchsröhre.

Ich kenne die Strecke, es ist schon die siebte Runde hier, trotzdem ist mir nicht wohl bei der Sache, zu viele Fahrer sind schon gestürzt und langsamere Fahrer tauchen als Hindernisse erst sehr spät aus dem Nebel auf. Ein Fehler, eine falsche Einschätzung und dieses Abenteuer wäre beendet. Doch wir müssen pushen, zwar ist unsere Ausgangslage als momentan Führende optimal, aber die Verfolger sind nicht weit weg und wir wissen nicht, was uns erwartet. Noch nie haben wir ein 24h Rennen bestritten, noch nie sind wir so lange auf dem Rad gesessen wie heute. “

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Es geht los

Als wir Samstagmittags auf der Grandprixstrecke zur Startlinie rollen wird uns die Größe des Events erstmals bewusst. Die Menge an Fahrern ist atemberaubend, das Fahrerfeld umfasst ca. 9.000 Starter. Die lange Zielgerade ist auf mehreren hundert Metern voller nervöser Radsportler. Die Teilnehmer könnten kaum unterschiedlicher sein – vom Worldtour Profi Johannes Fröhlinger bis zum absoluten Anfänger mit Turnschuhen und Treckingrad reicht das Feld.

 

Hier geht es in erster Linie nicht um den Sieg,  sondern um die Herausforderung, um das Miteinander, darum die eigenen Grenzen zu verschieben und neben der Strecke mit Gleichgesinnten zu feiern, hier wird der Radsport gelebt und zelebriert.

 

Ich bin der Startfahrer in unserem 2er – Team. Als es los geht gebe ich sofort Gas, will so schnell es geht ganz vorne sein. Gerade in der Hektik des Starts und bei einem solch großen Feld sind Stürze vorprogrammiert. Bereits vor der ersten Kurve kommen einige zu Fall. Aber für mich läuft es optimal, mit den beiden Profis von Team Sunweb und Lotto Kernhaus kann ich mich in der Abfahrt in die erste Reihe setzen. Am Berg fahren wir gemeinsam ein hohes Tempo, schon hier können uns nicht mehr viele folgen. Bei der ersten Passage der Hohen Acht sind wir nur noch zu sechst.

In der ersten Runde haben wir über 40 km/h im Schnitt über 26 Kilometer bei knapp 600 Höhenmetern. Allerdings merke ich schon bei der ersten Ablöse an Kilian, dass wir so nicht weiterfahren können. Ich bin komplett alle, das Rennen dürfte schon jetzt zu Ende sein, aber es geht erst los. 40 Minuten sind gefahren 11:20 Stunden Fahrzeit verbleiben mir noch.

 

Unsere Betreuerin Ela, die selbst mehrfach 24h Rennen gewonnen hat, sorgt für eine geregelte Pausengestaltung – ausfahren, frische Kleidung anziehen, Decke drüber, um warm zu bleiben. Beine hochlegen und essen, essen, essen… Es muss nicht schmecken, nur Energie liefern. Somit wird trockene Pasta zu unserer Hauptmahlzeit.

Wir ziehen unseren Rhythmus durch, in den Abfahrten sitze ich auf dem Oberrohr, um so aerodynamisch wie möglich Geschwindigkeit aufzubauen, ohne Energie investieren zu müssen. Bergauf fahre ich kurz unterhalb meiner aerob/anaeroben Schwelle und kann weiterhin viele Fahrer überholen, ohne zu überziehen. Wir sind im Flow, die ersten vier Stunden pro Fahrer gleichen unsere Leistungswerte denen eines Profirennens. Bisher sind wir optimistisch, das Rennen durchzuhalten, aber wir wissen beide, dass wir in der Nacht raus nehmen müssen – sonst droht der Leistungseinbruch.

 

 

Dann kommt die Nacht

Bei Einbruch der Dunkelheit werden unsere Wechsel länger. Drei Runden am Stück muss ich jetzt fahren. Es regnet noch immer und die Temperaturen sind merklich gesunken. Langsam wird es ungemütlich. Doch ich fühle mich gut, in der ersten Runde ziehe ich mein gewohntes Grundtempo bis zum Anstieg zur „Hohen Acht“ durch. Trotz der Dunkelheit kann ich bergab eine gute Pace halten, bremse nur etwas mehr als in den Runden zuvor. Fortlaufend überhole ich andere Fahrer, in dem Schlussstück der Runde findet sich eine Gruppe, die gut zu harmonieren scheint. Ich schließe mich ihnen an.

Verzweiflung in der Dunkelheit. Eingangs der nächsten Runde zieht plötzlich Nebel auf, er wird immer dichter und steht schließlich in der Abfahrt. Die Gruppe harmoniert nicht mehr, ein paar trauen sich unser Abfahrtstempo nicht zu, ein oder zwei Fahrer riskieren mehr. Am tiefsten Punkt der Strecke bin ich schließlich wieder auf mich gestellt. Der Regen und die Dunkelheit machen mir zu schaffen, ich werde nun merklich langsamer. Meine Reserven sind langsam aber sicher aufgebraucht. Die übliche Renndistanz habe ich längst überschritten, von jetzt an betreten wir Neuland.

„Das Rennen wird in der Nacht entschieden!“ Der Satz meiner Betreuerin hallt in meinem Kopf wider. Ich will weiter dran bleiben, doch es geht nichts mehr. Die Hohe Acht, die bei den ersten Passagen so leichtfüßig und flüssig zu durchfahren ging zeigt nun Ihre Zähne. Das Asphaltband scheint erbarmungslos steil in der Dunkelheit der Nacht Richtung Himmel zu verschwinden, Die Geraden sind gefühlt doppelt so lang, doppelt so steil geworden. ( MEINE GEDANKEN SCHWEIFEN AB: was die normale Bevölkerung wohl gerade macht? Die Meisten werden längst schlafen, ein paar sind vielleicht beim Feiern, zweifels ohne würden sie uns alle für verrückt erklären. )

Zu allem Überfluss fällt neben meiner körperlichen Leistungsfähigkeit nun auch noch die Elektronik aus: Meine Lichter und der Akku des Schaltwerks halten dem Regen nicht stand, zuerst weißt mich ein Fahrer darauf hin, dass mein Rücklicht ausgegangen ist, dann verabschiedet sich auch noch das Frontlicht. Ich muss einen Fahrer suchen, der mir den Weg leuchtet bis zur Wechselzone. Als ich jemanden gefunden habe, bin ich froh, dass er eher gemächlich fährt. Schalten geht nur noch vorne, am Berg halte ich kurz an und tausche den Akku von vorne nach hinten, oben wechsle ich wieder, damit ich aufs große Blatt schalten kann. Wir verlieren viel Zeit, doch es ist mir im Moment egal. Ich will nur noch, dass die Qualen beendet werden, freue mich schon fast auf die Zwangspause an der Box um die Lichter und den Akku zu tauschen.

Die Rettung: Es dauert nicht besonders lange um alles zu wechseln, doch diese drei Minuten bewirken Wunder. Ela informiert mich, dass wir weiterhin gut im Rennen liegen. Die Runde hat kaum Zeit gekostet, unsere direkten Verfolger haben wohl einen noch viel schlimmeren Einbruch erlitten. „Die Nacht entscheidet das Rennen.“ Den größten Motivationsschub gibt mir dann unser Viererteam, dass auf uns auffährt. Wir reden kurz miteinander und entscheiden uns bis zum nächsten Morgen beisammen zu bleiben. Es tut gut jemanden zum Reden zu haben, wir sparen Kraft durch die geteilte Führungsarbeit und bergab kämpfen wir uns gemeinsam durch den Nebel. Dann ist es endlich vorbei, meine Pause dauert nun mehr als zwei Stunden, genug Zeit um etwas zu schlafen.

Doch die Zeit geht viel zu schnell vorbei, um halb fünf bin ich wieder auf dem Rad. Es regnet weiterhin, der Nebel ist auch nicht gewichen. Als ich mich mit unserem Teamchef und ehemaligen Sechs-Tage Profi Christian Grasmann auf die Abfahrt begebe spüre ich erstmals Angst. Ich habe mein Vorderlicht ausgeschaltet und konzentriere mich nur auf sein Rücklicht. Rot leuchtend führt es mich durch die kalte Nacht. Wir haben fast keine Sicht, aber Christian fährt souverän, geht in keiner Kurve zu viel Risiko ein, dennoch verlieren wir kaum an Geschwindigkeit. Das Resultat ist eine Rundenzeit von knapp 46 Minuten, deutlich schneller als all unsere Gegner. In der nächsten Runde sparen wir etwas mehr, wir dürfen nicht alle Kräfte verschießen, das Rennen wird noch lang. Aber mir geht es wieder deutlich besser, das Tief ist überwunden und die Aussicht auf kürzere Wechsel am Morgen stimmt mich zuversichtlich.

 

 

Als es wieder hell wird, bekommen wir den Vorsprung durchgegeben und können es fast nicht glauben: Mehr als eine Stunde vor dem zweiten Team. Wir haben die Schlacht in der Nacht gewonnen trotz der Zweifel, der Erschöpfung und der Angst vor dem Unbekannten. Obwohl auch an uns die Nacht nicht spurlos vorübergegangen ist, konnten wir noch am besten mit den widrigen Bedingungen umgehen. Die letzten Runden werden zum Triumphzug, es regnet noch immer, doch es macht uns nichts mehr aus. Wir verlangsamen merklich, weil uns eine Rundenzeit von etwa 55 Minuten vollkommen ausreicht, die anderen sind zu weit weg, selbst wenn sie ihre schnellsten Zeiten fahren würden, könnten sie uns nicht mehr einholen.

Doch es ist noch nicht vorbei. Das einzige, was uns jetzt aufhalten kann, sind unsere eigenen Körper. Und diese machen Kilian und mir das Leben langsam schwer. Als noch etwa zwei Stunden zu fahren sind signalisiert Kilian mir, dass er wegen Schmerzen am Sehnenansatz des hinteren Oberschenkel nicht mehr fahren kann. Ich selbst bekomme langsam Knieprobleme und kann auch keine drei Runden mehr am Stück fahren. Wir einigen uns darauf, dass ich zwei Runden durchziehe und Kilian dann noch ein letztes Mal dran ist. So gelingt es uns, bis zum Schluss durchzuhalten. Als Kilian auf der letzten Runde auf die Zielgerade kommt warte ich 500 Meter vor dem Ziel auf ihn, gemeinsam überqueren wir jubelnd die Ziellinie. Wir haben das Rennen gewonnen, doch vielmehr haben wir einen Kampf gewonnen: den Kampf gegen uns selbst, gegen die Nordschleife, gegen den Regen.

Eure Pushbikers

YANNIK & KILIAN

 

 

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Photos: Bike Components I Sportograf

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