„Allein im Rennen, allein mit den Qualen“ – auch das ist Radsport

_____________________________________________

 

Ich kann kaum noch hören, ich sehe nur noch verschwommen durch meine verspiegelte Sonnenbrille und den Salzgeschmack auf der Zunge nehme ich auch nicht mehr richtig wahr. All meine Sinne, meine Gedanken, beschränken sich in diesem Moment auf das eine Gefühl von dem ich wusste, dass es kommen würde. Das Gefühl, um das es sich im Grunde genommen immer in unserem Sport dreht und das man so lange wie möglich herauszögern möchte, auch wenn es unaufhaltsam auf dem Weg lauert: den Schmerz. Er schleicht sich von der Wade über die Oberschenkel hinauf in die Lungenflügel und macht das Atmen und das Treten schwerer.

 

_____________________________________________

 

 

 

Mit jedem Tritt, den ich meine müden, brennenden, krampfenden Beine zwinge zu vollziehen, mit jedem Meter den ich auf dem sich nach oben windenden Asphaltband vor mir zurücklege, wird der Schmerz schlimmer. Eine lauter werdende Stimme in meinem Kopf sucht nach Alternativen für meine Tortour. Es wäre so einfach, ich könnte sofort absteigen, umdrehen und dem Leid ein Ende setzen.

Doch so einfach ist es nicht. Ich befinde mich nämlich in dem Land, dessen große Sporthelden all die Qualen die ich gerade durchmache auch erlebten. In dem Land das seine Radsportler feiert und Kampfgeist als die wichtigste Tugend ansieht. Nein, aufgeben kommt nicht in Frage.

Denn ich befinde mich im Herzen der Radsportnation Italien. Genauer gesagt bin ich vor exakt 130 Kilometern an die Startlinie des bisher größten Radrennens meiner Karriere gerollt. Der 80. Austragung des Giro dell´Appennino, der von Novi Ligure über mehrere Berge hinab in die Küstenstadt Genua führt.

Als wir im Vorfeld des Rennens die wichtigsten Abschnitte besichtigten wusste wir, dass dieser Berg die Schlüsselstelle des Rennens sein würde. Wir wussten, dass bis dorthin die Rolle der Helfer erledigt sein musste, denn von hier würde jeder auf sich gestellt sein.

 

Allein im Rennen, allein mit den Qualen. Der Passo della Bochetta oder in Zahlen: 8,2 Kilometer und 700 Höhenmeter, mit Steilstücken von bis zu 19% Steigung ist seit jeher der Schafrichter des Rennens dem die Italiener aufgrund der in kurzen Abständen folgenden letzten drei Pässe den Beinamen „Tre Colli“ geben.

Als Helfer war meine Aufgabe unsere beiden Kapitäne des Rennens, Leo (Hans-Jörg Leopold) und Jo (Johannes Schinnagl), bestmöglich zu versorgen und im vorderen Teil des Feldes in den Passo della Bocchetta zu fahren. So setzte ich mir persönlich also das Ziel, bis zu genau diesen 130 Kilometern meine Aufgaben zu erfüllen. Alles andere war Zugabe, ein DNF keine Schande.

Die Tifosi am Streckenrand allerdings, die sich die Seele aus dem Leib brüllen, als ich die nächste Kehre in Angriff nehme sehen das anders. DNF? No-Way! Nicht, wenn es sich verhindern lässt.

 

 

Und tatsächlich schaffe ich es bis zum Gipfel des Passo della Bocchetta. Aufgrund der Tatsache, dass ich relativ weit vorne platziert war, als es in den Berg hineinging und zwar ca. 40 Mann ziehen lassen musste, dann aber nur noch von wenigen Überholt wurde,, weiß ich, dass ich nicht allzu schlecht im Rennen liege. Mit einer kleineren Gruppe geht es in die Abfahrt und dann zum nächsten, etwas kleineren Pass.

Vor uns können wir in der ersten Serpentine die nächstgrößere Gruppe sehen. Wir sind nur zu siebt und wissen, dass wir auf den letzten 40 Flachen Kilometern keine Chance mehr haben die Gruppe zu erreichen. Deshalb übernehme ich mit das Tempo und wir gehen all-out am Berg. Wir kommen immer näher.

Doch so langsam übernimmt erneut der Schmerz die Kontrolle über meinen Körper. Zwei Kilometer vor der nächsten Passhöhe wird es immer schwerer flüssig zu treten. Erneut wird jeder Tritt zur Qual. Wir kommen näher an die Gruppe vor uns, doch langsam werde ich von meinen Begleitern aus der Führung abgelöst.

Allmählich falle ich ans Ende der Gruppe. Noch 800 Meter bis zum Gipfel. Die Fahrer meiner Gruppe werden immer schneller. Oder werde ich müder?

500 Meter bis zum Gipfel, fast geschafft. Ich muss Weiter dran bleiben!

300 Meter. Wie lange kann eigentlich ein Kilometer bergan sein?

200 Meter vor dem Gipfel passiert es. Das Hinterrad, welches zur einzigen Konstante meiner Welt geworden ist, zum einzigen Licht in dieser einsamen Dunkelheit der Qualen, es verschwindet. Erst einen Meter, dann mehrere und schließlich ist es als wäre ich als einziger stehen geblieben. Als wären meine Reifen festgeklebt an der Straße, so kurz vor der Erlösung.

Von hier an wird es einsam. Allein in der Abfahrt kann ich vor Erschöpfung die Kurven nicht mehr richtig einschätzen, versteuere mich im letzten Versuch die Lücke nach vorne zu schließen. Als die Straße wieder gerade aus führt und nur noch leicht abschüssig in Richtung Genua geht sehe ich vor mir: Niemanden. Das gleiche Bild offenbart sich beim Blick zurück. Der Tacho zeigt 160 gefahrene Kilometer. Es sind noch 40 Kilometer bis ins Ziel. Das zu erreichen ist nun das Einzige was noch zählt.

Es ist so still, so leer auf diesen Breiten abgesperrten Straßen die nach Genua führen. Hin und wieder sehe ich eine Traube Zuschauer die mal mitfühlend, mal anerkennend klatscht und jubelt, wohl wissend ,dass das Rennen vorne vermutlich längst entschieden ist. Als ich auf die Hafenpromenade rolle weiß ich, dass ich zumindest mein Minimalziel erreichen kann. Das erste hochklassige 1.1 Rennen meines Lebens zu beenden. Am Ende werde ich als 76. gewertet. Die Liste der Fahrer, bei denen ein DNF hinter dem Namen steht, ist lang. Ich gehöre heute nicht zu ihnen!

 

Euer

Yannik

 

 

___________________________________________________________

_____________________________________________

 

 

 

 

 

Kommentare
Share
Anne

HOME
NEUES
ÜBER UNS
BAHN
STRASSE
SHOP
PRESSE
PARTNER